#01 Der Glückskeks

Wie mich ein Glückskeks zum bloggen führte

Wer kennt ihn nicht: Den staubtrockenen Geschmack eines harten Glückskekses nach Vanillepuder. Die Hülle kracht und ein zielstrebiger Griff zum losen Papiersteifen prophezeit: „Alles, was Du anfässt, wird zu Gold.“ Ach, echt?! 😉

Das kleine knusprige Gebäck, welches die Gäste chinesischer Restaurants oftmals beschwingt bis enttäuscht in den Alltag entlässt, legt meine liebe Freundin Franziska an vielen Orten Berlins aus. Ein Fundstück, dass neuen Besitzern durch Zufall in die Hände fällt: In der Berliner U-Bahn, auf dem Cafétisch am Winterfeldmarkt, auf der Parkbank am Kreuzberg. Ihr Glückskeks ist weich, strahlt in sattem Gelb und ist – einfach ungenießbar. Zugegeben. Aus Baumwolle gehäkelt ist er jedoch der langlebigste und somit nachhaltigste Glückskeks, den ich je gesehen habe. Und schon deshalb ein traumhafter Alltagsfund, den niemand verschmähen kann.

Vor allem kulturell stecken in diesem kleinen alltäglichen Give Away weit mehr harte Fakten und wertvolle Qualitäten, als sein sanftes Äußeres verrät. So hat dieser kleine Glücksprophet meine Leidenschaft für Kulturgeschichte wachgerüttelt. Was, wenn wir beginnen die Dinge um uns zu entdecken? Im Alltag das zu ergründen, was uns überrascht und zunächst fremd ist?

Machen wir eine Stichprobe:

Speziell beim Gedanken an die chinesische Geschichte gehen mir da gerne die Dimensionen abhanden, daher zwei kleine Überraschungen. Masche für Masche hat sich das Häkeln seinen Weg in die Kulturgeschichte gebahnt. Vermutungen kursieren, dass Menschen schon in der Antike Netze und Seile mit den Fingern knüpften. Geklärt ist das allerdings nicht. Und weitere Datierungen sind rar. Im 16. Jahrhundert, also vor rund 300 Jahren, fertigen Nonnen Textilien des alltäglichen und religiösen Gebrauchs in Häkeltechnik an. Ein Jahrhundert später ist Häkeln bereits im deutschen Sprachraum als „einen (kleinen) Haken fassen“ bekannt. Als im 19. Jahrhundert die moderne Häkeltechnik Einzug in die europäischen Haushalte hält, blicken am anderen Ende der Welt Menschen irritiert, aber glücklich ihr erstes Keksorakel. Und das nicht in China – wo sie ohnehin nie gereicht werden –, sondern in Japan! Groß und dunkel gebräunt werden die Reiscracker dort noch heute mit einer Glück verheißenden Botschaft gespickt.

Herkunft voller Missverständnisse

Die Kriegsgeschichte sollte dem japanischen Glückskeks zum Verhängnis werden. Anfang der 1940er ist Japan für die Vereinigten Staaten der Kriegsfeind Nummer Eins. Japanischstämmige Amerikaner, speziell Restaurantbetreiber die sich an der Westküste der USA niedergelassen haben, fürchten um ihre Existenz. Sie flüchten über den Pazifik. Die leeren Lokale übernehmen daraufhin überwiegend Gastronomen chinesischer Herkunft. Fortan wird die ehemalige Beigabe einer japanischen Tee-Zeremonie in chinesischen Restaurants serviert: Der „fortune tea cake“ liefert amerikanischen GIs im Pazifikkrieg einen willkommenen Sinnspruch beim Aufbruch ins Ungewisse. Nach Kriegsende fordern die Heimkehrer die vermeintlich traditionell chinesischen Glückskekse in den Restaurants ihres Wohnorts ein – und der Markt reagiert.

That’s how the fortune cookie crumbles.


Nachlese

Wer nun mehr über die tollen Häkelarbeiten von Franziska erfahren möchte, dem lege ich ihren Blog 3vor3 mit vielen Häkelanleitungen zum Stöbern und Anfertigen von Amigurumi ans Herz. Für alle Neulinge, wie mich: Das sind kleine gehäkelte Kuscheltiere. Alle Geübten können dort derweil unser heutiges Fundstück in wenigen Schritten nachhäkeln, ihre Glückskekse in den Alltag tragen und freudig den Überraschungsmoment auskosten. Wem die Welt dagegen nicht schwarz genug ist, der leiste sich einen Pechkeks.

Und dann das: In Vorbereitung auf diesen Beitrag finde ich auf meinem Büroschreibtisch – Korrekt: Einen Glückskeks. Kein Witz. „Wenn Deine Wünsche nicht zu ausgefallen sind, werden Sie in Erfüllung gehen.“ Wenn das kein Zeichen ist.
Was meint Ihr? Glaubt Ihr dran? Und welche Botschaft würdet Ihr in einem Keks gerne finden?


Track zum Text


Quellen:

Dudenredaktion (Hrsg.) (2014): Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 5. Auflage, Bd. 7, S. 362. Berlin: Dudenverlag.

Fandino, Daniel (2016): Fortune Cookie, Origins of. In: Fee, Christopher R., Webb, Jeffrey B. (Hrsg.): American Myths, Legends, and Tall Tales: An Encyclopedia of American Folklore. Band I: A−F, S. 395-396. Santa Barbara, CA: ABC-Clio.

Imhof, Ursel, Meder, Sarah, et al. (Hrsg.) (2010): Textiles Gestalten – 3./4. Klasse. 2. Auflage, Bd. 3−4, S. 104. Buxtehude: Persen Verlag.

Lee, Jennifer S. (16. Januar 2008): Solving a Riddle Wrapped in a Mystery Inside a Cookie. Abrufbar unter URL:http://www.nytimes.com/2008/01/16/dining/16fort.html?pagewanted=1 (2.6.2017, 14:20 MESZ).

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